Erlaub dir katastrophal zu sein! - Anti-Perfektionismus

6/30/2026 07:47:00 PM Sara Casy 0 Comments


 

(Den Beitrag gibt es als Video auf YouTube: https://youtu.be/A1Ov4pYew5s)

Ich habe mein Leben lang ein großes Problem:

Ich will perfekt sein. In allem was ich tue. Wo das Problem ist? Niemand ist jemals beim ersten Versuch perfekt. Aber mein Kopf sagt mir:  

 
Du schreibst dein erstes Buch? Das wird besser ein absoluter Bestseller. Du malst ein Bild? Das hat besser die Qualität von Monet. Du machst YouTube Videos? Alles unter 100k Aufrufen und du bist ein krasser Versager.

 

Aber die Realität ist: Jeder von uns war mal eine Katastrophe. Ein Absoluter Versager. Der schlechteste, untalentieteste Mensch dieser Welt. 
Glaubt ihr mich? Frag mal deine Mutter, ob die Bilder, die du damals im Kindergarten gemalt hast und die sie an den Kühlschrank gehangen hat, wirklich gut waren. Es wird eventuell deine Scheinwelt zerstören. 
Als Kind haben wir unsere Aktivitäten nicht wirklich bewertet. Wir hatten Spaß am Sandburgen bauen. Wir schaukelten und okay, vielleicht haben wir einen Wettbewerb gemacht, wer höher schaukelt, aber Kinder fassen garantiert trotzdem wieder eine Schaukel an, auch wenn sie verlieren. Die schaukeln auch wieder, wenn sie sich dabei schon alle knochen gebrochen haben. Kinder haben Spaß an Sachen, probieren alles, gehen mit einer Naivität durchs Leben, die uns verloren gegangen ist. 
 
Schlimmer noch, je besser wir werden, desto schlimmer wird das Ganze. Wir bewerten uns dann nämlich an einer Messlatte, die wir selber immer und immer wieder nach oben setzen. Und das ist nicht nur in kreativen Dingen der Fall.Dieses immer mehr- immer besser, ist etwas ganz Natürliches. Aber wir haben in der heutigen Zeit ein sehr großes Problem:  
Wir haben absolut keine Geduld mehr. 
Wir erlauben uns gar nicht mehr klein anzufangen und zu wachsen. Wir wollen direkt groß sein. In manchen Dingen sind diese Ansprüche vielleicht gut. Man schafft es schneller in der Karriere in höhere Positionen. Man ist motivierter. Man dümpelt nicht nur vor sich hin. Aber in anderen Bereichen des Lebens? Wir haben plötzlich so ein Respekt davor Dinge anzufangen, weil sie ja schief gehen könnten. Was wenn man nicht gut ist? Wenn man sich nicht entwickelt? Was wenn man gut ist aber sich dann nicht verbessern kann? Was wenn man selber sich gut findet, aber andere nicht? Diese ganzen Fragen und Erwartungen erzeugen eins: 
 
Stillstand.
 
Warum soll man auch anfangen, wenn man weiß, dass was auch immer man macht, vermutlich erstmal nicht gut ist? Darauf gibt es eine einfache Antwort: Weil etwas was nicht existiert, niemals gut werden kann. Nehmen wir ein Beispiel von mir:
 
Die Idee ein Buch zu schreiben hat mich immer fasziniert. Aber Autoren, das sind wahnsinnig intelligente produktive Wesen. Jedes Wort ist überlegt. Jeder Satz eine Kunst. Das könnte ich nie. Aber dann irgendwann dachte ich mir, na gut. Ich kann es ja mal probieren. Und danach löschen. Stellt sich raus, dass es gar nicht so schwer ist ein Buch zu schreiben. Aber es ist sehr schwer, ein gutes Buch zu schreiben. Das Schöne am Schreiben ist, dass man ein fertiges Buch noch ungefähr 30 Mal überarbeiten muss. Und mit jeder Korrektur wird es ein kleines ministückchen besser. Und selbst wenn es am Ende nicht perfekt ist, dann existiert es doch. Und man hat dazu gelernt. Und das nächste Buch wird besser. Vielleicht.

Ein anderes Beispiel:

Eure Wohnung ist eine Katastrophe. Alles liegt rum. Unsortiert. Dreckig. Ihr seid absolut überfordert. Wo soll man anfangen? Ist das nicht zu anstrengend? Lieber nicht. Aber wenn du nur eine Socke aufhebst.. dann ist deine Wohnung saubrerer. Nicht viel. Aber mehr als vorher. Jeder kleine Schritt, ist wichtig. Außerdem sage ich immer: Wenn an den Fensterscheiben Streifen zu sehen ist, dann sehen Leute jedenfalls, dass man geputzt hat.

Das Geheimnis von jeder Produktivität, jeder kreativen Arbeit, fast jedem Lebensziel ist sich die Erlaubnis zu geben, katastrophal zu sein. Wir können nicht einen ewig langen Weg sehen und zum Ende springen. Der Grund dafür ist einfach: Es gibt nicht wirklich ein Ende. Wenn du losgehst, dein Ziel einprogrammiert hast und gute Fortschritte machst, dann gibt es ein neues Ziel sobald du dein altes erreicht hast. Es gibt in kaum einem Teil unseres Lebens so wirklich “das endgültige Ziel”.

Ich wollte früher auf YouTube 100 Abonnenten haben. Als ich die erreicht hatte, wollte ich 500. Dann 1000. Dann 10.000. Es gibt meistens Ziele auf Zeit, aber selten endgültige Ziele.

Vielleicht ist es heute schwieriger als früher schlecht zu sein. Ständig wird man bewertet, vor allem online, alles ist cringe, pickme, peinlich. Ich finde vieles, was ich getan habe, auch super peinlich. Aber andrerseits haben genau diese peinlichen Momente mich voran gebracht, mich besser gemacht und haben mir Türen geöffnet. Ich habe Dinge erlebt, die ich nie erlebt hätte, hätte ich mir nicht erlaubt anfangs schlecht zu sein.

Also mein Aufruf: Erlaub dir selber mal wieder so richtig katastrophal zu sein. Mal das hässlichste Bild der Welt. Sing ein Lied so schräg, dass die Nachbarn die Fenster zumachen. Tanz und seh dabei aus als hättest du einen Käfer unterm Tshirt. Oder mach ein YouTube Video und lad es einfach hoch.

Oki, das wars, bis zum nächsten Mal, Adios :)

 


 

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